Deutsche Bibliothek ISSN 1612-7331
20.09.2023 - Nr. 2041

ACHTUNG:

Am Donnerstag, 28. September 2023, erscheint ONLINE-EXTRA Nr. 338 mit einem Beitrag des katholischen Theologen Heinz-Günther Stobbe: "Christliche Friedensethik vor einem Dilemma? Streiflichter auf die neu entbrannte ökumenische Debatte über Pazifismus und die Lehre vom gerechten Krieg".


Guten Tag!

Nr. 2041 - 20. September 2023



Gute Beziehungen zu Washington sind für Israel überlebenswichtig. Ohne die politische Unterstützung und vor allem die jährlichen Finanzhilfen aus den USA könnte sich das Land kaum gegen die immer wiederkehrenden Angriffe behaupten. Doch Premier Netanjahu hat das Verhältnis zerrüttet. Das zeigt sich nun auch bei Netanjahus erster Reise in die USA, seit er mit Rechtsextremen koaliert, die eine einzige Peinlichkeit für den Premier bedeutet, der ansonsten stets mit seinen guten Kontakten zu Israels wichtigstem Partner prahlte. Die Beziehungen zwischen der Schutzmacht und dem jüdischen Staat sind auf dem Tiefpunkt. Das zeigt dieser Besuch, dem eine beträchtliche Blamage vorausging, wie Stefanie Bolzen und Christine Kensche für die WELT schildern. Und mehr noch: bei seiner Ankunft in New York wird Netanjahu von heftigen Protesten jüdischer US-Amerikaner empfangen, wie die schweizer TACHLES und die JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG berichten: "Wie Netanjahu Israels wichtigsten Partner verprellt".
Der Link dazu in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTRGRUND.

In einem Beitrag für die FRANKFURTER RUNDSCHAU, der zuerst in "Foreign Policy" erschient, analysiert Hisham Melhem, Washington-Korrespondent von Radio Monte Carlo, Paris, die Rolle der USA im komplexen Krisengeflecht des Nahen Ostens. Zwar habe die USA im Laufe der Jahre einige bemerkenswerte Erfolge in der Region errungen, aber die Welt befinde sich aktuell so sehr im Wandel, dass eine ernsthafte, radikale Neubewertung nötig sei. Melhem hat dabei vor allem die bisherigen vier Säulen in der Region im Blick: Saudi-Arabien, Ägypten, die Türkei und Israel. Er beobachtet eine Abwendung dieser Säulen von den USA und eine Hinwendung zu Russland oder China. In seinem Beitrag versucht er die Gründe hierfür zu analysieren und entwickelt Perspektiven in Anbetracht dieser sich ändernden Konstellationen: "USA verlieren Vormachtstellung im Mittleren Osten: Vier Verbündete wenden sich ab".
Der Link zu seinem Beitrag in der Rubrik ISRAEL UND NAHOST HINTRGRUND.

Zu Beginn des jüdischen Neujahrsfestes haben erneut Tausende in Tel Aviv gegen den Umbau der Justiz demonstriert. Auch am Flughafen Ben Gurion gab es Proteste, als Netanjahu zu seinem Besuch in die USA abflog. Und kaum dort angekommen, sah er sich auch in den USA mit heftigen Protesten amerikanischer Juden konfrontiert. In einer lesenswerten Reportage für die TAZ berichtet wiederum Ulrich Gutmair, dass der Protest gegen Netanjahu keineswegs auf liberal-säkulare Kreise beschränkt bleibt. Gutmair hat die Siedlung Efrat besuch, wo zwar einerseits eine starke Fraktion der radikalen Siedlerbewegung Gusch Emunim zuhause ist, andererseits aber auch immer mehr orthodoxe Juden aus dem nationalreligiösen Lager sich den Protesten gegen die Justizreform angeschlossen haben und für Demokratie auf die Straße gehen: "Orthodox und gegen Bibi". Das dürfte freilich, so Gutmair, "den Thinktanks, die Netanjahu mit Strategien für den Kulturkampf füttern, Kopfzerbrechen bereiten. Mit jeder orthodoxen Jüdin, mit jedem gläubigen Juden, die gegen die Regierung auf die Straße gehen, bröckelt das spalterische Narrativ der Regierung." Und einer der Gesprächspartner vor Ort fasst die Stimmung laut Gutmair so zusammen: „Ich sehe es so: Israel kann nicht als jüdischer Staat überleben ohne eine starke Verbindung zum Judentum. Israel kann aber auch nicht als jüdischer Staat überleben, ohne sich zur Demokratie und zu den Menschenrechten zu bekennen.“
In Anbetracht der vielen Gräben, die sich durch die isralische Gesellschaft ziehen und die im Kontext der umstrittenen Justizreform schärfer als jemals hervorgetreten sind, die Gräben zwischen Säkularen und Religiösen, zwischen arabischen und europäischen Israelis, zwischen Linken und Rechten, stellt sich dabei zunehmend dringlich die Frage, wie sich dieses Land in Zukunft noch zusammenhalten lasse. Immer mehr Israelis entdecken dabei, so berichtet Jonas Roth für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, eine mögliche neue Lösung: Föderalismus. Sagi Elbaz beispielsweise, Politologe, Publizist und Aktivist aus Tel Aviv, plädiert für ein System, in dem die Regierung in Jerusalem ihre Kompetenzen in den Bereichen Bildung und Kultur sowie – zu einem gewissen Grad – in Wirtschaft und Justiz an die regionalen Distrikte abtritt. Nur so liessen sich die religiösen und kulturellen Differenzen in den Regionen berücksichtigen. Ihm dient dabei die Schweiz und ihre Kantone als Vorbild. Oder Israel Piekrash, der die israelische Gesellschaft in mehrere sogenannte Zivilgemeinschaften unterteilen will, die nach wie vor nebeneinander leben würden. Wie genau solche föderalen Ansätze in Israel verwirklicht werden könnte, schildert Jonas Roth in seiner Reportage: "Die Schweiz als Vorbild? Immer mehr Israeli fordern einen föderalen Staat".
Links zum Thema in der Rubrik ISRAEL INTERN.

Israels Oberstes Gericht hatte sich am vergangenen Dienstag in einer historischen Verhandlung mit den umstrittenen Plänen der ultrakonservativ-religiösen Regierung für den Umbau der Justiz befasst. Erstmals in der Geschichte des Landes kamen alle 15 Richter zusammen, um über acht Petitionen gegen eine verabschiedete Grundgesetzänderung zu beraten. Bei dieser Gerichtsverhandlung war auch der deutsche Botschafter in Israel Steffen Seibert als Zuschauer dabei. In einem auf Social Media veröffentlichten Video sagte er auf Hebräisch: „Ich denke, etwas Wichtiges passiert hier für Israels Demokratie. Wir als Freunde Israels schauen mit großem Interesse auf das Oberste Gericht. Das wollte ich mir ansehen.“ Eine knappe Woche nach dem Gerichtstermin wurde nun bekannt, dass sich Israels Außenminister Eli Cohen über Seiberts Verhalten beschwert haben soll, was wiederum hierzulande für mächtig Wirbel sorgte. Das Auswärtige Amt wies die Kritik zurück: Das Verfolgen relevanter innenpolitischer Verfahren sei „ganz normaler Teil der Arbeit eines Diplomaten“, sagte ein Ministeriumssprecher. Dazu gehöre auch der Besuch öffentlicher Gerichtstermine. Der Fall, so schreibt Peter Münch in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, werfe "ein Schlaglicht darauf, wie kompliziert und durchaus auch verworren die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel geworden sind, seit in Israel vor knapp neun Monaten die rechts-religiöse Regierung unter Premierminister Benjamin Netanjahu gebildet worden ist". Und für das REDAKTIONSNETZWERK DEUTSCHLAND kommentiert Daniela Vates:
"Er (Seibert) trat nicht als Polterer auf, sondern, indem er in wenigen Sätzen auf den Wert der Demokratie hinwies, als leiser, wenn auch deutlicher Mahner. Präsenz bei einem Gerichtstermin und Lob der Demokratie – dagegen ist nun wirklich nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Wer in solchen Auftritten ein Problem sieht, hat offenkundig selber eines."
Links zum Thema in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

In einem Essay für DIE WELT geht es just auch darum, nämlich um das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel. Autor des Essays ist Avi Mayer, seines Zeichens Chefredakteur der „Jerusalem Post“. Deutschland und Israel verbinde mehr als eine grauenhafte Vergangenheit, konstatiert er. Auf politischer Ebene sei man sogar zu Freunden geworden. Gleichwohl stehe dieser Ertrag nun in Gefahr: "Eine bilaterale Beziehung, die so stark auf der historischen Erinnerung beruht, wird zwangsläufig schwächer, wenn diese Erinnerung verblasst – vor allem, wenn eine Seite diese Erinnerung als nicht relevant für die heutigen Beziehungen betrachtet." Daher müssten nun diejenigen, "denen die künftige Stärke und Lebendigkeit deutsch-israelischer Beziehungen am Herzen liegen, neben der wichtigen Allianz auf Regierungsebene die Entwicklung enger zwischenmenschlicher Beziehungen priorisieren und gemeinsame Werte und Interessen betonen", mahnt Mayer. Mithin: "An der düsteren Vergangenheit führt kein Weg vorbei – aber es braucht mehr".
Der Link zum Essay in der Rubrik ISRAEL, DEUTSCHLAND, EUROPA UND DIE WELT.

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Mit Zustimmung des Vatikan wurden Priester und Ordensleute seit Kriegsbeginn eingezogen. So wurden allein bis zum Jahresende 1943 über 6.000 Priester in die Wehrmacht eingezogen, etwa ein Drittel davon Ordensleute. Hinzu kamen knapp 6.500 Theologiestudenten und über 5.000 Laienbrüder und Novizen. Weitere sollten im Verlauf des Krieges folgen. Zu diesem Zeitpunkt, gut vier Jahre nach Beginn des Kriegs, waren bereits 1.700 Kirchenmänner im Krieg umgekommen. Über 600 galten als vermisst. Sie alle kämpften im Zweiten Weltkrieg und manche von ihnen stiegen sogar in der Wehrmacht auf. Das alles hatte nicht nur Folgen für die Männer, sondern auch für ihre Orden. Lilli Feit schildert in einem Beitrag für KATHOLISCH.de die Hintergründ des "geistlichen" Einsatzes und schildert einige endringliche Fallbeispiele: "Ordensleute in der NS-Zeit: Opfer und Diener an der Waffe".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Vor 60 Jahren fand am Abend des 24. Septembers 1963 in Basel die Premiere von Rolf Hochhuths Theaterstück "Der Stellvertreter" statt, in dem Papst Pius XII. als "Hitlers Papst" angeklagt wird - und sorgte für heftige Krawalle. 6000 selbsternannte Verteidiger des Katholizismus standen einer Gruppe von selbsternannten Verteidigern der Kunstfreiheit gegenüber. 150 Polizisten mussten das Stadttheater abriegeln, weitere 150 standen in Bereitschaft. Es kam zu Krawall und Schlägereien, die Aufführung konnte nur unter Polizeischutz über die Bühne gehen. Marc Tribelhorn erinnert in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG an jene Tage, an Reaktionen und Diskussionen, die im Kern bis heute anhalten: "Aufklärung oder Leichenschändung? Als der Dramatiker Rolf Hochhuth mit einer Papst-Kritik die katholische Welt empörte".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Passend zur Erinnerung an Hochhuths "Stellvertreter" sind just dieser Tage Dokumente von 1942 aufgetaucht, die belegen, dass Pius XII. von den Vernichtungslagern gewußt haben musste - und dennoch geschwiegen hat, wie NEUE ZÜRCHER ZEITUNG und die JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG berichten. Dies feuert einmal mehr nicht nur die Kritik an der geplanten Seligsprechung des Papstes an, sondern auch die Frage, wie dessen Schweigen zu erklären sei. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG zitiert in diesem Zusammenhang den Historiker Michele Sarfatti, der zur Geschichte der Juden im faschistischen Italien geforscht hat. Sarfatte führt das Schweigen von Pius XII. auf den tiefsitzenden Antisemitismus der katholischen Kirche zurück: «Meiner Meinung nach war Pius XII. ein Gefangener. Nicht der Faschisten oder der Nazis, sondern seiner eigenen Vergangenheit und derjenigen der katholischen Kirche, die jahrhundertelang Vorurteile gegenüber dem jüdischen Volk hatte». Im Vokabular Eugenio Pacellis, des späteren Papstes Pius XII., fehle das Wort Jude. «Es ist eine Art schwarzes Loch», so Sarfatti.
Links zum Thema in der Rubrik VERGANGENHEIT...

Der 2006 verstorbene Reinhart Koselleck gehörte zu den bedeutendsten Historikers und Theoretikern seiner Zeit. Er lehrte zur gleichen Zeit wie unter anderem Niklas Luhmann und Karl Heinz Bohrer an der Universität Bielefeld. Zu seinem 100. Geburtstag im April diesen Jahres erschien ein Sammelband mit Kosellecks Aufsätzen zum politischen Totenkult, publizistische Beiträge zu den Debatten über die »Neue Wache« und das Holocaustmahnmal in Berlin, theoretische Überlegungen zum Erinnerungsbegriff und unveröffentlichte autobiografische Notizen über seine Erfahrungen in Krieg und russischer Gefangenschaft. In Distanz zur populären »Erinnerungskultur« betont Koselleck die Unhintergehbarkeit der Differenz zwischen individueller Erfahrung und kollektiven Erinnerungskonstruktionen. Die Historie soll solche kollektiven Identitäten nicht stiften, sondern kritisch analysieren. Darin liegt für Koselleck die Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Stephan Wolting hat den Band für LITERATURKRITIK.de gelesen: "Die Überlebenden und die Nachlebenden".
Der Link zum Beitrag in der Rubrik VERGANGENHEIT...

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Als die argentinische Bundespolizei diese Woche eine Razzia in einem Haus am Stadtrand von Buenos Aires durchführte, fand sie Hunderte von Büchern, die mit Hakenkreuzen und Reichsadlern verziert waren, berichtet die FRANKFURTER RUNDSCHAU. Einige der Werke verherrlichten Adolf Hitler, während andere den Holocaust leugneten und eine revisionistische Geschichte des Zweiten Weltkriegs lieferten. „Wir sind immer noch erstaunt über die Menge des Materials“, sagte der Chef der Bundespolizei Juan Carlos Hernández auf der Pressekonferenz. „Es ist historisch. Es handelt sich wirklich um eine Druckerei, die Nazi-Symbolik, Bücher und Indoktrination verbreitet und verkauft.“ Die Tatsache, dass in Argentinien - dem Land mit der größten jüdischen Bevölkerung in Lateinamerika - immer noch antisemitisches und nationalsozialistisches Material umherschwirrt, bereitet Sorge und Unmut: "Die Spitze des Eisbergs - Argentinien geht gegen Nazi-Druckerei vor".
Der Link zum Bericht in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Irgendwie weiß man gar nicht, worüber man mehr entsetzt sein sollte, über die Dreistigkeit dieser Idee und ihre Umsetzung oder über die Naivität und Blindheit der Behörden: Personen aus dem Spektrum der "Reichsbürger" haben mehrere vermeintlich jüdische Vereinigungen gegründet. Darunter sind angebliche "Jüdische Gemeinden" in verschiedenen Regionen Deutschlands. Die Vereine tragen Namen wie "Jüdische Gemeinde Ahrensbök" oder "Jüdische Gemeinde zu Zeitz". Zwischenzeitlich wurden mehrere der Vereine offiziell ins Vereinsregister eingetragen. Laut der Satzungen verfolgen diese "Jüdischen Gemeinden" "ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Ziele". Das ARD-Politikmagazin Panorama stieß auf mindestens zehn solcher Gründungen: "Perfide: Antisemiten gründen 'Jüdische Gemeinden'".
Mehr dazu in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Eigentlich wollte Hubert Aiwanger über die antisemitische Flugblatt-Affäre gar nicht mehr reden, aber dann ließ er sich doch auf Interview mit der AUGSBURGER ALLGEMEINEN ein. In diesem Gespräch beharrte er dann darauf, dass die Affäre in erster Linie auf einer Kampagne gegen ihn beruhe. Das eigentlich Bemerkenswerte an dem Interview ist freilich, dass er im Nachgang des Interviews bei der üblichen Autorisierung ganze Passagen hat streichen lassen. Das wiederum machte dann die Zeitung zur Information ihrer Leser öffentlich und informierte über die Fragen, die Aiwanger nicht beantworten wollte, wie die JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG berichtet. Wenige Tage später gab er dann wiederum ein Interview, diesmal direkt der JÜDISCHEN ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG. Konfrontiert mit der breiten Ablehnung, die er seitens jüdischer Persönlichkeiten und Institutionen derzeit erfahren muss, zeigt er einerseits Verständnis, beharrt aber erneut auf dem Vorwurf einer Pressekampagne gegen ihn. U.a. sagt er:
"Das Unverständnis bei vielen Bürgern richtet sich meiner Wahrnehmung nach stark gegen die 'Süddeutsche Zeitung' und trifft leider teilweise den Journalismus insgesamt. Auch das Vertrauen in den Schutzraum Schule wurde durch das offenbar gesetzwidrige Verhalten des Lehrers schwer erschüttert. Ein disziplinarisch sanktionierter und abgeschlossener Sachverhalt an der Schule darf nicht in dieser reißerischen Form in die Presse. Und sehr viele Bürger sehen das eben als Instrumentalisierung, das kann man nicht wegdiskutieren."
In einem Kommentar für die AUGSBURGER ALLGEMEINE in ihrer heutigen Ausgabe beklagt Christian Grimm im Blick auf die Aiwanger-Affäre den entstandenen Schaden: "Nach dem Aiwanger-Skandal kippt etwas in Deutschland". Weiter schreibt er:
"Der Fall Aiwanger offenbart, dass dieser Schaden schon entstanden ist. Für das Selbstverständnis der Bundesrepublik ist das eine Zäsur. Denn statt öffentlich geächtet zu werden, sammeln sich die Wähler hinter dem Politiker. Die Freien Wähler steigen in den Umfragen. Die AfD darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass ihre Ächtung in der Öffentlichkeit an Wirkmacht verliert, obwohl es neonazistisches Denken in ihren Reihen gibt. Sie profitiert also auch von der Causa Aiwanger."
Die Links zum Thema in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

Kürzlich sorgte das Verhalten orthodoxer Juden im schweizerischen Davos und die Reaktionen der städtischen Behörden darauf für reichlich Schlagzeilen (siehe Compass 6.9.2023). Vor diesem Hintergrund hat nun die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG mit Simon Bollag gesprochen, der das orthodoxe Milieu von innen kennt. Er findet, in der gehässigen Debatte über jüdische Feriengäste in Davos würden sich berechtigte Kritik und antisemitische Klischees vermischen. Er habe in Davos eine "sehr starke antijüdische Stimmung erlebt":
"So unfair das auch ist, wir dürfen uns weniger erlauben als andere. Nur ja keinen Anlass geben, damit sie wieder sagen können: «Typisch Juden!» Macht Hans Meier etwas Blödes, dann waren es nicht «die Christen», sondern Hans Meier. Macht Simon Bollag etwas Blödes, dann waren es bestimmt «die Juden». Wir müssen anständiger sein als der Rest, wir haben keine Wahl. Das ist auch einer der Gründe, warum meine Frau unsere Ferienwohnung immer besonders gründlich putzt, obwohl sie für die Schlussreinigung dann nochmals viel Geld bezahlt."
Der Link zum Interview in der Rubrik ANTISEMITISMUS.

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Die islamische Zeitrechnung beginnt am 16. Juli 622 Jahren mit dem Aufbruch Mohammeds in die Oasenstadt Medina. Diese Stunde Null ist Grundlage für den islamischen Kalender, dem der Lauf des Mondes zugrunde liegt. Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Kalendern: Der christliche und der indische Nationalkalender richten sich nach der Sonne, während sich der jüdische und der buddhistische Kalender an beiden Himmelskörpern orientieren. Ein Beitrag im MDR gibt einen instruktiven Überblick: "Wie religiöse Zeitrechnungen funktionieren".
Der Link dazu in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren e. V. ist der älteste und einer der größten islamischen Dachverbände Deutschlands. Diese dem islamischen Gelehrten Süleyman Hilmi Tunahan nahestehende Organisation wurde im Jahr 1973 gegründet und hat ihren Sitz in Köln. Vor kurzem beging der Verband sein 50-jähriges Jubiläum. Gastredner bei der feierlichen Festveranstaltung war niemand Geringerer als Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Die Vielfalt von über fünf Millionen Muslimen gehöre zur Bundesrepublik, sagte Steinmeier und verurteilte den Missbrauch von Religion, um Andersgläubige abzuwerten oder den Staat und demokratische Werte in Frage zu stellen. Sei es Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus oder Christenhass: „Die muslimische Religion hat Wurzeln geschlagen in unserem Land“.
Der Link zum Wortlaut der Rede sowie Berichten über Festveranstaltung in der Rubrik INTERRELIGIÖSE WELT.

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Die Unesco hat das jüdisch-mittelalterliche Erbe in Thüringens Landeshauptstadt Erfurt als neues Welterbe ausgezeichnet. Das entschied die UN-Kulturorganisation am Sonntag auf ihrer laufenden Sitzung im saudi-arabischen Riad. "Die Aufnahme des jüdisch-mittelalterlichen Erbes in Erfurt als neue und zweite jüdische Stätte in die Liste des Unesco-Welterbes leistet einen weiteren, wichtigen Beitrag, die gemeinsamen Wurzeln von Juden und Christen in Deutschland und Europa sichtbar zu machen und für die Zukunft zu bewahren", sagte Deutschlands Unesco-Botschafterin Kerstin Püschel. Ausgezeichnet wurden unter anderem mehrere Bauten der Altstadt, darunter ein vor rund 16 Jahren durch Zufall entdecktes mittelalterliches Ritualbad (Mikwe), das vermutlich um 1250 errichtete sogenannte Steinhaus sowie Erfurts Alte Synagoge. Ein Beitrag im MDR stellt einige der ausgezeichneten Bauten näher vor. Und in der ZEIT hat Matthias Dell beobachtet, wie groß die Freude in Erfurt war, als die Entscheidung bekannt gegeben wurde: "Auf den Jubel folgt die eigentliche Arbeit".
Die Links zum Thema in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Nicht nur israelische Serien landen immer wieder Achtungserfolge und werden an manchen Stellen als US-Remake erfolgreich – bestes Beispiel ist „Homeland“. Auch das jüdische Leben selbst wird für Serienmacher und Streamingdienste immer interessanter. Zuletzt wagte man sich auch häufiger in die ultraorthodoxe Welt der Juden – mit mitunter beeindruckenden Ergebnissen. Der Filmkenner Michael Braun stellt auf dem Serien- und Streaminginfoportal SERIESLY AWESOME die TOP 5 der zeitgenössisches Serien über (ultraorthodoxes) jüdisches Leben und die Kultur des Judentums näher vor: "Die besten Serien über jüdisches Leben".
Der Link dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Die jüdische Kabaretttradition war immer zeitkritisch und politisch, sagt der US-amerikanische Ethnomusikologe Philip V. Bohlman von der Universität Chicago zum STANDARD. Er zählt zu den bekanntesten Vertretern seines Fachs, ist Experte für jüdische und europäische Musikkultur und befasst sich etwa mit Migrationsthemen. Mehrfach wurde er für seine Arbeit ausgezeichnet. Der österreichische STANDARD sprach mit dem Ethnomusikologen über Migrationsgeschichte, jüdische Kabarettkultur in Wien und die Linse des Nationalismus: "Jüdische Musik war im Jazz besonders einflussreich".
Der Link zum Interview in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Ein historischer Moment: in jener Stadt, die im Nazijargon einstmals als "Hauptstadt der Bewegung" galt, gaben sich am Dienstag führende Vertreter des europäischen Judentums, das Hitler bekanntlich ausrotten wollte, ein Stelldichein in München. Diesmal nicht nur für ein paar Tage Konferenz wie 2022. Man kommt, um zu bleiben, denn die Europäische Rabbinerkonferenz hat nach 67 Jahren ihren Sitz von London nach München verlegt! "Das Zentrum Europas hat sich verschoben", sagt Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Vorsitzender der Rabbinerkonferenz. Heute werde Europa von den beiden größten Ländern, von Frankreich und Deutschland, geführt: "Deutschland ist das Land in Europa, in dem die jüdische Gemeinde wächst. Und wir wurden von der bayerischen Staatsregierung ermutigt und eingeladen, nach München zu kommen." Über den historischen Umzug inmitten der bayrischen Affäre um das judenfeindliche Flugblatt aus Aiwangers Schulranzen berichten MÜNCHNER KIRCHENZEITUNG, DEUTSCHE WELLE und JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG: "Kein normaler Umzug".
Die Links dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

In der ukrainischen Stadt Uman sind trotz des russischen Angriffskrieges Zehntausende Pilger zum jüdischen Neujahrsfest eingetroffen. Das ukrainische Innenministerium nannte eine Zahl von mehr als 32 300 Chassiden - wie die Anhänger dieser jüdisch-orthodoxen Glaubensrichtung genannt werden - die schon in der Stadt seien. Can Meyer hat das ungewöhnlich Treiben für die FRANKFURTER RUNDSCHAU beobachtet. Ob sie denn keine Angst haben, fragt er einen der Pilger. „Wenn man aus Israel kommt, hat man keine Angst“, antwortet ihm ein Pilger aus der Gegend von Tel Aviv. „Die Front in der Ukraine ist hunderte Kilometer entfernt.“ Wer in Uman bete, glaubt der Mann, dem könne ohnehin nichts passieren: "Reise in den Krieg".
Der Link zur Reportage in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

Was bedeutet “Jüdischsein” heute? Deborah Feldman, die mit ihrer Autobiografie "Unorthodox" eindrucksvoll die Geschichte ihrer Emanzipation beschrieben hat, reflektiert in ihrem neuen Buch "Judenfetisch" über das Jüdischsein als einem Begriff, der immer auch eine Zuschreibung, eine Begrenzung, eine Projektion enthält, im Negativen wie im Positiven. Ihre Auseinandersetzung mit ihrem kulturellen Erbe – und der damit verbundenen Last – beinhaltet auch das Bestreben, das Jüdischsein in etwas Größeres, Diverseres, Humaneres einzubinden. Ronald Pohl, der das Buch für den STANDARD gelesen hat, beschreibt es als einen "nervös flackernder Krisenbericht..., von Bitterkeit erfüllt, mit Galle nachgeschwärzt". Einen regelrechten Verriss legt hingegen Daniel Killy in der JÜDISCHEN ALLGEMEINEN WOCHENZEITUNG vor. Er kritisiert, Feldmans neues Buch strotze nur so vor "Israelhass – verwurzelt im Antizionismus der Satmarer Sekte, in der die Autorin aufwuchs".: "Toxisch".
Die Links dazu in der Rubrik JÜDISCHE WELT.

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Das Christentum ist eine recht divers Religion, in der sich im Laufe der Zeit viele Strömungen und Konfessionen entwickelten, die sich etablieren konnten. Andere kleinere Gemeinschaften hatten mehr Schwierigkeiten, sich durchzusetzen. Einige werden als Abgrenzung zu den «Etablierten» als «Sekten» bezeichnet. So zum Beispiel die Zeugen Jehovas. Christian Rossi, Religionswissenschaftler an der Universität Zürich, erklärt in einem Beitrag für das schweizer Portal RELIGION.ch, wie diese Gruppierung im Gesamtbild des Christentums verortet werden kann: "Die Zeugen Jehovas: Eine religiöse Gemeinschaft im Spannungsfeld der Stigmatisierung".
Der Link dazu in der Rubrik CHRISTLICHE WELT.

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Um das Leben des US-jüdischen Autors Philip Roth ranken sich unzählige Gerüchte und Geschichten – sicher auch inspiriert von den autobiografischen Spuren, die er in seinen Romanen legte. Noch zu Lebzeiten engagierte er Blake Bailey als seinen Biografen, dem er in langen Gesprächen Rede und Antwort stand und dem er exklusiven Zugang zu seinem Archiv gewährte. Roths Geschichte des Aufstiegs aus kleinen Verhältnissen in einer jüdischen Familie der unteren Mittelklasse hin zu literarischem Weltruhm liegt nun in einer über 1000 Seiten umfangreichen Biographie von Baily vor, die Alexander Kluy für die JÜDISCHE ALLGEMEINE WOCHENZEITUNG gelesen hat: "Große, unerträgliche Begierde".
Der Link zur Buchvorstellung in der Rubrik ONLINE-REZENSIONEN.

Dies alles und noch viel mehr wie üblich direkt verlinkt, ergänzt von aktuellen FERNSEH-TIPPS sowie einschlägigen ONLINE-REZENSIONEN im heutigen COMPASS.


Einen angenehmen Tag wünscht


Dr. Christoph Münz

COMPASS

redaktion@compass-infodienst.de

(Editorial zusammengestellt unter Verwendung des Teasermaterials der erwähnten Artikel)



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